Das Wichtigste auf einen Blick
- Für 2026 erwartete der ZDH im Februar ein Umsatzplus von einem Prozent und rund 60.000 Beschäftigte weniger.
- Mehr als 180.000 Betriebe wurden 2025 abgemeldet, nur 13 Prozent davon infolge einer Insolvenz.
- Personalkosten machen im Handwerk laut Dittrich im Schnitt 60 Prozent der Gesamtkosten aus, in manchen Betrieben bis zu 80 Prozent.
- Drei von vier Handwerksbetrieben zahlen Einkommensteuer, die geplante Senkung der Körperschaftsteuer hilft ihnen deshalb wenig.
- Beim Rentenpaket sieht der ZDH die Richtung als richtig, kurzfristig aber zusätzliche Kosten.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks wirft der schwarz-roten Koalition vor, ihre Entlastungen kämen in den Betrieben kaum an. Schon im Februar 2026 sagte Generalsekretär Holger Schwannecke: Die Betriebe spürten von den Beschlüssen noch viel zu wenig. Im September legte Präsident Jörg Dittrich nach: Sozialabgaben von knapp 43 Prozent träfen das lohnintensive Handwerk besonders hart. Wichtigste Forderung ist die Rückkehr unter 40 Prozent. Die Regierung verweist auf fehlendes Geld. Dieser Beitrag zeigt die Position des Verbands und ordnet sie ein.
Was der ZDH der Koalition vorwirft
Knapp 300 Tage nach Amtsantritt zog Generalsekretär Schwannecke im Februar in München eine durchwachsene Bilanz. Verbesserte Abschreibungen, das Entlastungskabinett und die Modernisierungsagenda seien auf den Weg gebracht. Trotzdem herrsche in den Betrieben Ernüchterung, teils Frust. Der Druck durch Bürokratie, Steuern, Sozialabgaben und Energiepreise überwiege. Sein Satz dazu: Verkündet war der Herbst der Reformen, nur dieser Herbst der Reformen sei ausgefallen.
Der Verband ist eine Interessenvertretung, und natürlich klingt seine Bilanz entsprechend. Beschlüsse brauchen Zeit, bis sie im Betrieb ankommen. Einen Teil der Kritik teilt Dittrich aber auch mit Blick auf das Reformpaket, das er in einem Interview grundsätzlich lobte: In den Betrieben sei vom Bürokratieabbau bisher nichts angekommen.
Was das Handwerk fordert und wie es begründet
| Thema | Forderung | Begründung des ZDH |
|---|---|---|
| Sozialabgaben | wieder unter 40 Prozent | Rund 60 Milliarden Euro Entlastung im Jahr, nach Dittrichs Rechnung |
| Bürokratie | Bonpflicht abschaffen, Dokumentationspflichten kürzen | Steht zum Teil im Koalitionsvertrag |
| Einkommensteuer | Reform, die Personenunternehmen erreicht | Drei von vier Betrieben zahlen Einkommensteuer |
| Rente | Härtefallregeln für unterschiedliche Erwerbsbiografien | Kurzfristig steigen die Beiträge |
| Energie | verlässliche Preise | Kostendruck in energieintensiven Gewerken |
Quelle: ZDH; Deutsche Handwerks Zeitung; leinetal24; Stand bis 09.09.2026
Lohnzusatzkosten: Worum es beim Streit um 40 Prozent geht
Lohnzusatzkosten sind vor allem die Beiträge zur Sozialversicherung, die Arbeitgeber und Beschäftigte zusätzlich zum Lohn tragen. Die Summe der Beitragssätze liegt laut ZDH inzwischen bei knapp 43 Prozent. Die Marke von 40 Prozent galt lange als politische Grenze. Jeder zusätzliche Prozentpunkt kostet Beschäftigte und Betriebe laut Dittrich rund 20 Milliarden Euro.
Für einen Betrieb ist das keine abstrakte Größe. In manchen Handwerksbetrieben machen Lohnkosten bis zu 80 Prozent der Gesamtkosten aus, im Schnitt nennt Dittrich 60 Prozent. Steigende Abgaben lassen sich laut ZDH nicht einfach auf den Preis umlegen. Sein Beispiel: Wer irgendwann alle sechs statt alle vier Wochen zum Friseur geht, senkt den Umsatz. Der Verband sorgt sich deshalb weniger um Billigkonkurrenz als darum, dass Kunden auf Leistungen ganz verzichten.
Wie hoch die Arbeitskosten sind, zeigt unser Beitrag zu den Arbeitskosten in den Ländern.
Rechenbeispiel: Was ein Prozentpunkt mehr im Betrieb bedeutet
| Bruttolohnsumme im Jahr | Arbeitgeberanteil je Punkt, halbe Last | Beispiel |
|---|---|---|
| 100.000 Euro | 500 Euro | kleiner Betrieb, zwei bis drei Beschäftigte |
| 500.000 Euro | 2.500 Euro | mittlerer Betrieb |
| 2 Millionen Euro | 10.000 Euro | größerer Betrieb |
Quelle: Eigene Rechnung mit hälftiger Teilung. Die Aufteilung ist je Versicherungszweig nicht überall gleich, die Werte zeigen nur die Größenordnung.
Bonpflicht, Kassenpflicht, Sonntagsbackverbot: Die kleinen Streitpunkte
Dittrich nennt die Bonpflicht als Beispiel für etwas, das schnell lösbar wäre. Ihre Abschaffung stehe im Koalitionsvertrag, passiert sei es nicht. Für jedes Brötchen werde weiter ein Bon gedruckt. Daneben streitet der Verband über das Sonntagsbackverbot und eine geplante Kassenpflicht.
Solche Punkte wiegen wirtschaftlich weniger als Abgaben, aber sie prägen die Stimmung. Sie sind für jeden Inhaber täglich sichtbar. Gerade kleine Betriebe, die keine eigene Stelle für solche Fragen haben, nehmen sie als Maßstab dafür, ob Politik bei ihnen ankommt.
Reformpaket und Rente: Warum der ZDH lobt und trotzdem klagt
In einem Interview nannte Dittrich am Reformpaket den angekündigten Bürokratieabbau und den kapitalgedeckten Teil der Rente als größte Hoffnung. Er räumte aber ein, was der Interviewer ihm vorhielt: Die Rentenbeiträge steigen zunächst stärker als ohnehin erwartet, spätestens ab 2028, eine Entlastung ist erst für die 2040er-Jahre in Sicht. Das widerspricht zunächst der eigenen Forderung nach sinkenden Lohnzusatzkosten.
Sein Argument: Ein langfristig gelöstes Thema dürfe nicht davon ablenken, dass jetzt etwas gegen die Abgabenlast geschehen müsse. Im Juli schlug er vor, nach dem Vorbild der Rentenkommission eine Kommission für die Entlastung bei den Sozialabgaben einzusetzen. Die Bundesregierung sagt nach seiner Darstellung, ihr fehle das Geld. Lösungsvorschläge, wie 60 Milliarden Euro im Jahr zu finanzieren wären, enthalten unsere Quellen nicht.
Warum Steuersenkungen im Handwerk oft nicht ankommen
Die geplante Senkung der Körperschaftsteuer hilft laut ZDH den meisten Betrieben wenig. Drei von vier sind Personenunternehmen und zahlen Einkommensteuer. Der aktuelle Entwurf zur Einkommensteuerreform gehe an der Realität vieler Betriebe vorbei und belaste manche sogar zusätzlich. Wie stark, nennt der Bericht nicht.
Auch Sondervermögen und Bauturbo reichen dem Verband nicht. Öffentliche Mittel brauchten zu lange, bis sie im Alltag der Betriebe ankämen. Dabei machten private Investitionen im Schnitt rund drei Viertel aller Investitionen in Deutschland aus.
Sozialabgaben: Die Zahlen im Streit
Quelle: ZDH-Präsident Dittrich, nach leinetal24 vom 09.09.2026; gerundet
Beschäftigung: 60.000 weniger, und das Handwerk sagt warum
Für 2026 rechnete der ZDH im Februar mit rund 60.000 Beschäftigten weniger, vor allem weil Menschen altersbedingt ausscheiden. Dittrich warnte später, das dürfe nicht einfach unter dem Stichwort demografischer Wandel verbucht werden. Die Arbeitsplätze würden für Wohnungsbau und Infrastruktur gebraucht.
Mehr als 180.000 Betriebe wurden 2025 abgemeldet, nur 13 Prozent davon nach einer Insolvenz. Das ist laut Dittrich ein Warnsignal. Gleichzeitig blieb der Bestand nach den Kennzahlen des ZDH mit rund 1,04 Millionen Betrieben nahezu gleich. Viele Abmeldungen stehen also Neuanmeldungen gegenüber. Wie das Handwerk konjunkturell dasteht, lesen Sie in unserem Beitrag zur Handwerkskonjunktur.
Was Betriebsinhaber daraus mitnehmen können
Gut zu wissen
Kosten rechnen
Rechnen Sie Lohnkosten, Abgaben und Preise für das kommende Jahr einmal durch, auch mit dem Mindestlohn von 14,60 Euro ab Januar 2027.
Gut zu wissen
Abschreibungen
Die verbesserten Abschreibungen gibt es bereits. Fragen Sie Ihr Steuerbüro, ob sich eine geplante Anschaffung jetzt lohnt.
Gut zu wissen
Rechtsform
Die Debatte über Körperschaftsteuer und Einkommensteuer ist kein Grund für einen schnellen Wechsel. Lassen Sie das im Einzelfall durchrechnen.
Gut zu wissen
Mitreden
Handwerkskammern und Innungen sammeln Beispiele für unnötige Bürokratie. Konkrete Fälle wirken mehr als allgemeine Klagen.
Einordnung
Der ZDH hat recht, dass hohe Abgaben ein lohnintensives Gewerbe besonders treffen. Seine Rechnung lässt aber offen, wer die 60 Milliarden tragen soll, und seine Zustimmung zum Rentenpaket steht in Spannung zur Forderung nach sinkenden Beiträgen. Diese Lücke benennt Dittrich selbst. Wir geben hier die Sicht eines Verbands wieder, eine Stellungnahme der Bundesregierung liegt uns dazu nicht vor. Die Lage kann sich mit dem nächsten Reformpaket ändern, Stand ist der 6. November 2026.
Häufige Fragen
Was kritisiert der ZDH an der Bundesregierung?
Dass Entlastungen bei Bürokratie, Steuern und Sozialabgaben in den Betrieben kaum ankommen. Besonders fordert der Verband niedrigere Lohnzusatzkosten. Sie liegen laut ZDH bei knapp 43 Prozent.
Was sind Lohnzusatzkosten?
Vor allem die Beiträge zur Sozialversicherung, die Arbeitgeber und Beschäftigte zusätzlich zum Lohn tragen. Sie machen Arbeit teurer, besonders in lohnintensiven Branchen wie dem Handwerk.
Warum trifft das Handwerk die Abgabenlast besonders?
Personalkosten machen laut ZDH im Schnitt 60 Prozent der Gesamtkosten aus, in manchen Betrieben bis zu 80 Prozent. Steigende Beiträge schlagen deshalb stärker durch als in stark automatisierten Betrieben.
Was hat es mit der Bonpflicht auf sich?
Betriebe mit elektronischer Kasse müssen derzeit einen Beleg ausgeben. Laut ZDH steht die Abschaffung im Koalitionsvertrag, umgesetzt sei sie nicht.
Wie viele Handwerksbetriebe gibt es?
Nach den Kennzahlen des ZDH waren es 2025 rund 1,04 Millionen Betriebe. Davon sind 641.462 zulassungspflichtig. Im Handwerk arbeiten rund 6 Millionen Menschen.
Quellen
- Deutsche Handwerks Zeitung: ZDH-Bilanz nach 300 Tagen, 26.02.2026
- leinetal24: Alarmstufe Rot im Handwerk, 09.09.2026
- ZDH: Interview zum Reformpaket
- ZDH: Steigende Sozialabgaben bremsen das Handwerk
- Volksstimme (dpa): Kommission zur Entlastung von Betrieben
Stand: 6. November 2026. Redaktion Premiumpresse. Der Abschnitt „Einordnung“ ist eine Einschätzung der Redaktion. Der Beitrag ersetzt keine Rechts- oder Finanzberatung.


