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Tagebuch 01.03.2010: Bildung ewige Baustelle

Bonn, Pressemitteilung vom 01.03.2010 10:17:16

Tagebuch 01.03.2010: Bildung  ewige Baustelle

Best of Tagebuch, Redaktion

Die dreigliedrige Schule, Turbo-Abitur, verkrustete Lehrstrukturen, Studiengebühren und überfrachtete Studiengänge: Das deutsche Bildungssystem ist ein großes Streitthema, das regelmäßig für Unzufriedenheit bei Schülern, Lehrern und Studierenden sorgt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht in seinem Hartz IV-Urteil eine Neuberechnung der Zahlungen für die Kinder gefordert hat, ist man sich zumindest darin einig: Unsere Kinder brauchen eine bessere Bildung. Wie aber soll die aussehen Unsere Tagebuch-Autorinnen und -Autoren haben die deutsche Bildungsrepublik immer wieder danach abgesucht. Und dabei festgestellt: Bildung ist hierzulande eine ewige Baustelle, an der viel geflickt und in die viel zu wenig investiert wird.

Bildung braucht Gerechtigkeit
Nicht jeder muss Abitur machen oder gar Professor werden, aber jeder sollte die Gelegenheit dazu bekommen Mit diesem Eintrag stößt der Dirigent Peter Stangel 2008 das Thema Bildungschancen an. Experten kritisieren das deutsche Schulsystem, weil es soziale Verwerfungen unter den Schülern nicht ausgleiche, sondern weiter vertiefe. Auch die ehemalige Lehrerin Brigitte Schumann findet das dreigliedrige Schulsystem ungerecht und leistungsschwach und im internationalen Vergleich den integrativen Systemen deutlich unterlegen. Es stellt Kinder und Jugendliche ins Abseits und verwehrt ihnen ihre Zukunftschancen und gesellschaftliche Teilhabe. Es schadet damit der ganzen Gesellschaft, die auf jeden einzelnen Menschen angewiesen ist, schreibt Brigitte Schumann.

Laut Pisa bleiben Kinder mit Migrationshintergrund mit ihren Leistungen deutlich hinter ihren deutschen Mitschülern zurück, besonders in den sozialen Brennpunkten unserer Großstädte. Wir müssen an unseren Schulen die Zukunft und ihre Bewältigung neu erfinden, wenn wir nicht eine Bankrotterklärung in Sachen Bildung für ganze Gesellschaftsgruppen zementieren wollen, weiß Ursula Rogg, langjährige Lehrerin an einer Problemschule in Berlin-Neukölln. Sie sieht Lehrer wie Schüler im Mahlwerk eines Schulsystems, das die Alltagsrealität der Zuwanderer-Gesellschaft in den deutschen Großstädten völlig ignoriert. Wir sollten endlich beginnen, diese Gruppen nicht nur als Problem, sondern als Teil der Lösung zu sehen. Dazu brauchen wir vor allem ihre Erfahrungswerte und ihre Mitsprache, fordert die Kunstlehrerin. Sie wirbt für mehr Verständnis auf beiden Seiten und darum, auch Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an den großen runden Bildungstisch zu holen, sie sind die Spezialisten für ihre Probleme.

Die bestmögliche Schule
Gute Bildung braucht eine neue Schule - darin sind sich die Tagebuch-Autorinnen und -Autoren einig. Die alte Schule suche weiter nach den Schwächen der Schüler und produziere auf diese Weise mehr Bildungsverlierer, als wir uns leisten können. Wie aber sieht sie aus, die neue, die bestmögliche Schule für alle Für Mathias Voelchert ist sie ganz klar eine Schule mit Herz und Hirn. Die bestmögliche Schule entschließt sich, jeden Schüler in seinen Stärken individuell zu fördern und folgt dem Grundsatz: Bei uns wird niemand gekränkt, Lehrer und Lehrerinnen nicht und Kinder schon gar nicht, die Abrichtungsschule sei am Ende. Regina Stolzenberg hält einen Mentalitätswechsel für angezeigt. Die bisherige Lernkultur, die Wissen akkumuliert, den Monolog statt den Dialog pflegt und Fehler bestraft, statt Stärken zu fördern, unterminiert das Selbstbewusstsein der Lernenden statt es aufzubauen, kritisiert die Medizinsoziologin. Sie setzt wie Voelchert auf einen Abbau von Unterrichtsbeamtenund wünscht sich stattdessen selbstständig denkende und handelnde Pädagogen, die nicht mehr Fächer, sondern Schüler unterrichten.

Bernhard Bueb plädiert für ein Lernklima, das die individuelle Situation und Anstrengung jedes einzelnen Schülers berücksichtigt. Wenn ich noch einmal die Chance hätte, eine Schule zu leiten, würde ich das Sitzenbleiben abschaffen oder versuchen, es überflüssig zu machen. Es verursacht mehr Leiden, Kränkungen und Demütigungen als es Nutzen bringt, notiert der ehemaliger Leiter des Eliteinternats Salem am Bodensee im Tagebuch. Das Sitzenbleiben spiegelt für ihn die inhumane Seite eines Schulsystems, das das Erreichen einer messbaren Leistung höher wertet als einen individuellen Lernfortschritt.

Bildung braucht Zeit, die die Schule von heute den Kindern nicht lässt. Fritz Reheis wirft unserem Schulsystem vor, es vermittele Wegwerfwissen. Beispiel: Turbo-Abi. Hier wird versucht, mit hohem Druck Bildung in die Köpfe, Herzen und Hände der Kinder und Jugendlichen zu pressen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das meiste wird sofort wieder vergessen, sobald es abgeprüft ist. Den Kindern wird kaum Zeit zum Üben, Verbinden und kritischen Nachfragen gelassen, beklagt der Erziehungswissenschaftler. Er vergleicht den Zeitdruck bei der Ernährung des Geistes mit dem Zeitdruck bei der Ernährung des Körpers und erkennt darin Symptome unserer Fastfood- und Wegwerfgesellschaft: Die Turboschule bringt keine mündigen Bürger hervor, sondern willige Konsumenten und Arbeitnehmer. Sein Fazit: Bildung und Menschenwürde bleiben auf der Strecke.

Studium Bolognese. Oder: Die Ware Bildung
Mit dem Bologna-Prozess zog die Turbo -Ausbildung auch in deutsche Hochschulen ein. Doch es ächzt im Gebälk der Bachelor-Master-Architektur, den meisten Studierenden ist die deutsche Umsetzung von Bologna zu verschult, zu überfrachtet, zu verkürzt - und nicht zuletzt: zu teuer. Der soziale Background einer Person entscheidet maßgeblich über Aufnahme und Fortsetzung eines Studiums. Tobias Roßmann, Studentensprecher der Humboldt-Universität zu Berlin, beklagt 2009, Bildung werde mehr und mehr den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst zur Ware. Vielerorts werden Studiengebühren von nur 1000 Euro pro Jahr eingeführt. Und das obwohl dies besonders sozial schwache Studierwillige vom Studium abschreckt. Meines Erachtens lautet die Devise: Wer sich ein Studium nicht leisten kann, soll auch nicht studieren Er reklamiert eine kostenlose Bildung für alle und eine öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft. Damit ein Studium nicht mehr am Geldbeutel scheitert, plädiert der AStA-Referent auch für die Einführung eines Teilzeitstudiums; damit würden Arbeit und Studium wieder vereinbar.

Raus aus der Bildungsmisere
Die Universität muss wieder eine Denkschule werden, keine Examensmühle und Platz für Massenabfertigung. Zu diesem Paradigmenwechsel fordert Familienberater Mathias Voelchert auf. Andreas Keller von der GEW setzt auf eine umfassende Chancengleichheit beim Hochschulzugang und damit auf einen radikalen Kurswechsel des Bologna-Prozesses. Er will eine Studienreform, die endlich die Studierenden ins Zentrum der Hochschulen rückt und die Qualität von Studium und Lehre tatsächlich verbessert.

Doch wer zahlt für unsere Bildungsgesellschaft auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
Im Verhältnis zum gestiegenen Bruttoinlandsprodukt investiert Deutschland sogar weniger in die Bildung als noch vor ein paar Jahren. Wenn wir mehr motivierte Studierende wollen, dann müssen wir auch dafür zahlen, rechnet Mathias Voelchert vor. Ohne Mehrausgaben wird es keine bessere Ausstattung, keine besseren Betreuungsrelationen, keine besser ausgebildeten Erzieher, Lehrer und Professoren geben, prophezeit auch Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann. Und die Politik muss entsprechende Prioritäten setzen. Ansonsten wird Deutschland weiterhin viel seines wichtigsten Kapitals verschenken.

Auf dem vergangenen Bildungsgipfel im Dezember versprach die Kanzlerin mehr Geld für Bildung. Die Frage aber, wie die zusätzlichen Ausgaben finanziert werden sollen, bleibt bis auf weiteres offen.



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