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Lügen strafft der Altbundeskanzler mit diesem Buch seine Kritiker, die ihm immer wieder unterstellt haben, Moral würde für diesen Technokraten der Macht nur aus der Vergötterung des Pragmatismus bestehen. Die Tiefe der Gedanken zeugt von einem frühen Beginn und einer sehr intensiven Suche nach einer öffentlichen Moral; die Vehemenz des Stils und seine zuweilen sarkastischen Urteile nicht nur gegen politische Gegner sind Ausweis der Unabhängigkeit eines elder statesman, dem schon zu seiner Amtszeit als Bundeskanzler parteipolitischer Opportunismus zuwider war.
Dementsprechend will Helmut Schmidt seine Streitschrift auch an die gesamte politische Klasse gerichtet wissen. Sie gehe nicht mehr voran, zeige keinen Willen zu politischer Führung, "Karrierestreben fördert Anpassung und Konformismus". Statt auf die Rückseite der Bürgerrechtsmedaille, nämlich auf die Pflichten hinzuweisen und diese einzufordern, wird sie selbst zum Beispiel dafür, daß im "öffentlichen Raum die Moral von den Rändern her zerbröselt". Die Folge ist der schleichende Zerfall der Moral insgesamt. Was abhanden komme, so Schmidt, "ist das schlechte Gewissen", die Fähigkeit, in Kategorien von Gerechtigkeit, Solidarität, Verantwortung und Gemeinwohl zu denken und zu handeln. Statt dessen ist es die Ideologie des rücksichtslosen Egoismus, die alle gesellschaftlichen Schichten ergreift.
Wohl gewählt ist der Rekurs auf Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Schmidt greift diese Differenzierung auf und verbindet sie mit dem erleuchtenden Hinweis, daß Verantwortungsethik nicht nur die Konsequenzen des Handelns berücksichtigen muß, sondern schon viel früher ansetze: bei der Formulierung der Zielsetzung.
Die schonungslose Analyse ist zugleich ein kraftvolles Plädoyer für die Reanimation eines moralischen Minimalkonsensus in unserer Gesellschaft und ein Appell zum Mut zur öffentlichen Moral am Ende des 20 Jahrhunderts. --Manfred Schwarzmeier
Buch des Monats Mai 2000
Der Spiegel-Bestseller erstmals im Taschenbuch.
"Mut zur öffentlichen Moral" fordert Helmut Schmidt angesichts des rücksichtslosen Egoismus und der allgegenwärtigen Anspruchshaltung in unserer Gesellschaft. Er plädiert für eine Rückbesinnung auf Werte und Tugenden, die früher in Deutschland selbstverständlich waren. Während jeder die verfassungsmäßig garantierten Rechte gerne in Anspruch nimmt, will von Bürgerpflichten niemand etwas wissen. Ob Massenarbeitslosigkeit, die Skandale der wirtschaftlichen und politischen Eliten, Steuerbetrug oder Jugendkriminalität - ohne ein Umdenken in der Gesellschaft sind die Probleme der Zeit nicht zu lösen. Eine scharfsinnige Streitschrift, die Wege zum dringend nötigen Neuanfang in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufzeigt.
Über den Autor
Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D., geboren 1918 in Hamburg, ist seit 1983 Mitherausgeber der ZEIT. Er ist einer der bekanntesten und beliebtesten Politiker und Publizisten in Deutschland, seine Bücher wurden allesamt zu Bestsellern, u.a. »Menschen und Mächte« (1987), »Weggefährten« (1996), »Die Mächte der Zukunft« (2004) und zuletzt »Außer Dienst« (2008).
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