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Tagebuch 07.10.2009: Tibets Zukunft

Bonn, Pressemitteilung vom 07.10.2009 10:54:05

Tagebuch 07.10.2009: Tibets Zukunft

(premiumpresse) - Bonn, 07.10.2009 10:54 - Klemens Ludwig, Autor und Menschenrechtler

Wir sind stark, mit uns muss man rechnen, deutet SPIEGEL ONLINE die Botschaft, die von der gigantischen Volks- und Militärparade zu Chinas 60. Staatsjubiläum ausging. Dabei übte sich die Partei-Propaganda im Jubel über die Errungenschaften, Selbstreflexion war nicht erwünscht, lesen wir in dem Artikel über die selbstbewusste Inszenierung. Dass es China besser geht als früher, ist dabei unumstritten: Die Öffnung nach außen und die Privatwirtschaft haben in den vergangenen dreißig Jahren geholfen, das Leben eines großen Teils der 1,3 Milliarden Chinesen zu verbessern, räumt die TAZ unter der Überschrift Starker Feigling aus Anlass der Feierlichkeiten ein. Gleichzeitig mahnt das Blatt aber die sozialen und politischen Missstände an: die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die massive Umweltverschmutzung, und nicht zuletzt: Chinas Minderheiten-und Menschenrechts-Politik. Anlass für Klemens Ludwig, freier Autor mit Schwerpunkt Asien, im Tagebuch einen Blick auf Tibets Zukunft zu werfen.

Die pompösen Feiern zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China waren ebenso beeindruckend wie entlarvend: Schaut, wie mächtig wir sind, lautete die Botschaft der kommunistischen Führung. Doch stellen gerade solche Inszenierungen den totalitären Charakter eines Regimes bloß, das sich bei Olympia oder auf der Frankfurter Buchmesse gern als modern und weltoffen gibt.

Es gibt noch eine zweite Entwicklung, die Chinas Image-Bemühungen unterläuft: Ein Strom von Flüchtlingen, die mit den Füßen gegen das Regime protestieren. Das betrifft vor allem die Grenzgebiete, wo mit den Tibetern und Uiguren Völker leben, die sich mehrheitlich nicht als Teil Chinas betrachten. Etwa 170.000 Tibeter leben im Exil, und bis zu dem Volksaufstand vom März 2008 haben sich Jahr für Jahr weitere 3.000 auf die gefährliche Flucht über den Himalaya gemacht; Männer und Frauen; Kinder und Alte; ehemalige politische Gefangene und tief Religiöse. So unterschiedlich wie die Menschen ist ihre Motivation: Die Kinder sollen eine Ausbildung in ihrer Tradition erhalten; einige wollen den Segen ihres exilierten Oberhauptes, des Dalai Lama, erhalten; andere suchen in Schutz vor Verfolgung.

Dharamsala, vor 200 Jahren von den britischen Kolonialherren gegründet, ist ihr Sammelpunkt. Dort ist die buddhistische Ethik der Toleranz und Gewaltlosigkeit noch lebendig, und schon früh am Morgen formt sich ein wachsender Pilgerstrom zum zentralen Tempel.

Unter den Flüchtlingen ist der Mönch Bagdro, der wegen seiner Unbeugsamkeit unbeschreiblich gefoltert wurde. Noch heute sieht man die Narben im Gesicht und auf seinem kahlgeschorenen Kopf. Im Winter haben ihn seine Peiniger nackt in den Gefängnishof gestellt, kübelweise Wasser über seine Füße geschüttet und ihn, als er festgefroren war, mit aller Gewalt umgestoßen. Danach benötigte er Monate, bis er wieder gehen konnte. Nicht viel besser erging es dem Fluchthelfer Kelsang Jigmey, den die Chinesen verdächtigten, Hunderte von Landsleuten in die Freiheit geleitet zu haben. Er wurde nur deshalb entlassen, weil die Behörden ihn nach jahrelanger Folter für unheilbar krank hielten und sie nicht wollten, dass er im Gefängnis starb. Nach über einem Jahr hatte die Fluchthelferlegende wieder so viele Kräfte gesammelt, um selbst die Flucht ohne Wiederkehr anzutreten. Egal, was sie mir angetan haben, sie haben mich nicht gebrochen, ich habe ihn nichts verraten, erklärt er heute stolz.

Und da ist das Mädchen Chime, das 2001 als Neunjährige mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester von ihrer Mutter zur Ausbildung auf die Flucht geschickt. Lange hat sie benötigt, bevor sie sich in Indien zurecht gefunden hat, doch jetzt gehört sie zu den fähigsten und ehrgeizigsten jungen Tibeterinnen im Exil; ohne dass die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und der Mutter jemals aufhören würde: Ich bin sehr froh über die Möglichkeit, in Indien eine so gute Ausbildung zu erhalten, und ich bin voller Pläne für die Zukunft. Ihre strahlenden Augen unterstreichen die Worte.

Mit dem Aufbau eines Schulsystems, neuer Tempel und sozialer Einrichtungen hat die tibetische Verwaltung im Exil Großartiges geleistet. Auch die Unterstützung ausländischer Hilfsorganisationen trägt dazu bei, den Tibetern eine Zukunft zu geben, in der sie Tradition und Moderne verbinden können. Dabei geht es neben klassische Patenschaften auch darum, besonders Begabte zu fördern, damit eine neue Führungsschicht entsteht, die einmal Verantwortung übernehmen kann, wenn es für die Tibeter den Tag der Freiheit gibt.

Seit 2008 ist der Flüchtlingsstrom abgeebbt - nicht, weil sich die Lage der Tibeter verbessert hätte, sondern weil die Überwachung so stark ist, dass nur noch wenige herauskommen. Der Volksrepublik sind die Flüchtlinge schon lange ein Dorn im Auge - sind sie doch eine lebende Anklage gegen ihre Politik.

Über Klemens Ludwig

Klemens Ludwig ist freier Autor mit dem Schwerpunkt Asien und arbeitet u. a. für Shelter108, eine von der Filmemacherin Maria Blumencron gegründete Organisation, die sich um die Ausbildung von Tibetern im Exil kümmert. Jüngst veröffentlichte Klemens Ludwig das Buch: Wenn der Eisenvogel fliegt - Tibeter im Exil (Nymphenburger Verlag)



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