Stellung der Patienten wird gestärktSozialhilfe 2008: 1,2 Millionen Menschen erhielten besondere Leistungen
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Die Special Olympics National Games 2010 in Bremen sind vorbei. Hat jemand mitbekommen, dass sie stattfanden Kaum beachtet fristet der Behindertensport in unserer Gesellschaft ein Schattendasein. Mehr Anerkennung und Beachtung wäre nicht nur ein Zeichen für den Spitzensport, meinen die Tagebuch-Autorinnen und -Autoren. Sondern auch für die rund 8,5 Millionen Menschen mit Behinderungen, die unter uns leben.
Anerkennung statt Mitleid
Viele Menschen irritiert es sehr, wenn jemand mit einer Prothese eine Spitzenleistung bringt. Robert Dunker, Sportredakteur, bringt es im Tagebuch auf den Punkt: Sportler mit Behinderungen wollen kein Mitleid, sondern mehr Respekt. Sie stellen persönliche Bestleistungen auf, aber im großen Kampf um gesellschaftliche Anerkennung treten sie seit Jahren auf der Stelle. Dazu trägt auch die mediale Berichterstattung bei. Behindertensportveranstaltungen in den Medien Eine Randerscheinung, meint Gudrun Angelis. Im Olympiasommer 2008 hat sie eine Ausstellung über Olympische Spiele für Menschen mit und ohne Behinderungen kuratiert. Während der vorbereitenden Arbeiten zur Ausstellung haben wir festgestellt: viele Menschen wissen nicht einmal, dass es die Paralympischen Spiele überhaupt gibt.
Wir betreiben keinen Nischensport, aber in den Medien werden wir in eine Nische zurückfallen, hatte der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes vor Beginn der Winter-Paralympics 2010 in Vancouver befürchtet. Dabei wünscht sich die Mehrheit der Deutschen eine umfassendere Berichterstattung über Paralympics, wie eine Studie des Verbandes ergab. Nur selten werden die Protagonisten als das präsentiert, was sie sind: Leistungssportler. Boris Grundl, Legende im Rollstuhl-Rugby, war 25 Jahre alt, als er im Urlaub von einer Klippe sprang und sich die Wirbelsäule brach. Seither sitzt er im Rollstuhl und hat sich bis in die Liga der besten Rollstuhl-Rugby-Spieler Europas hoch gekämpft. Ich weiß noch, dass Fußgänger immer ziemlich schockiert darüber waren, wie es beim Rollstuhl-Rugby zuging. Auch Sportreporter, die regelmäßig über uns berichteten, waren erst einmal irritiert. Besonders die, die sich aus sozialen Gründen für den Behindertensport interessierten. Noch immer werde der Behindertensport in der Öffentlichkeit entweder heroisiert oder ganz stark auf die Mitleidsschiene gehoben. Nach dem Motto: Behinderte prügeln sich nicht. Schon klar, Rollstuhlfahrer sollten nicht so leistungsorientiert denken. Die können sich doch helfen lassen. Nett gemeint, aber Rugby wurde zu meinem Sport, gerade weil hier die ganze Behindertennummer plötzlich egal war. Während wir spielten, war die Welt barrierefrei zumindest in unseren Köpfen.
Auch Claudia Biene, Leistungssportlerin mit Prothese, will raus aus der Ecke der leidenden Behindis. In einem Interview mit Tagebuchautor Robert Dunker führt sie an: Sie hätte sich sehr gefreut, wenn sie einmal ins Aktuelle Sportstudio gedurft hätte statt in Sendungen mit Schicksalsgeschichten. So hadern sie alle mit der Außenwirkung, konstatiert Dunker. Denn bei allem Streben nach Gleichberechtigung bleibt dem Großteil der Handicap-Athleten, die redlich um Bestleistungen kämpfen, die Anerkennung verwehrt.
Mittendrin statt nur dabei
Es gibt auch die andere Form des Wettkampfs. Die Special Olympics haben sich international der Förderung des Sports für Menschen mit geistiger Behinderung verschrieben. Lasst mich gewinnen Doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben. Gemäß ihrer Eidesformel gibt es bei den National Games keine Verlierer unter den Teilnehmenden. Für viele Sportlerinnen und Sportler ist nicht entscheidend, ob sie den ersten oder letzten Platz belegen. Sie gewinnen für sich an Selbstwertgefühl, an öffentlicher Anerkennung und Stolz. Hier lebt der olympische Gedanke noch, meint Christian Schirrmacher, Mitbegründer der Special Olympics Schleswig-Holstein. In der Öffentlichkeit die eigene Leistung zu zeigen, erfordere von den Athleten viel Mut und Konzentration: Ich habe es geschafft. Ich habe es allen gezeigt. Ich kann etwas. Diese Leistung wird bei der öffentlichen Siegerehrung gewürdigt.
Oscar Pistorius, Fastest Man on no Legs
Das Beispiel Oscar Pistorius zeigt, mit welchen Vorurteilen der Behindertensport zu kämpfen hat. Robert Dunker verweist auf den südafrikanischen Weltrekordhalter, der weltweit für Schlagzeilen sorgte. Der beidseitig unterschenkelamputierte Sprinter wollte sich bei den Spielen in Peking mit Athleten ohne Behinderung messen. Der Internationale Leichtathletik-Verband verweigerte ihm jedoch die Teilnahme. Was soll damit bewiesen werden, fragt Maximilian Bleif im Tagebuch. Die IAAF hätte den Mut haben und die Chance nutzen können, behinderte Sportler in den Mittelpunkt des öffentlichen Sportinteresses zu rücken, statt sie in der Nische Paralympics zu belassen. Für den Schwerbehindertenvertreter liegt nahe, dass die IAAF den direkten Vergleich zwischen Behinderten und Nichtbehinderten scheut. Natürlich kann es nicht jeder behinderte Sportler mit Nichtbehinderten aufnehmen. Wenn aber die Möglichkeit besteht, sollte sie von den Verbänden auch genutzt werden.
Die IAAF begründete ihre Entscheidung mit beträchtlichen mechanischen Vorteilen gegenüber nichtbehinderten Läufern. Eine Argumentation, der auch Karl Quade nicht folgen kann. Startverbot wegen Behinderung Praktisch alle deutschen Leichtathleten, die zu den Paralympics in Peking wollen, starten gegen nichtbehinderte Leichtathleten, führt der Vizepräsident des Deutschen Behindertensportverbandes im Tagebuch aus. Denn: Die technischen Regeln bei diesen Wettkämpfen sind die gleichen wie auch bei Olympischen Spielen. Warum also die große Diskussion um Oscar Pistorius Pistorius ist auch gegen Ausgrenzung und für Teilhabe angetreten. Es bleibt deshalb nur eine Antwort: Der internationale Leichtathletik Verband möchte ein abgeschlossener Zirkel bleiben, da stören Menschen mit Behinderung.
Der Fall Pistorius, der auf Grundlage eines technischen Gutachtens dann doch noch ein Startrecht erkämpfte, letztlich aber an der Qualifikationsnorm des Verbandes scheiterte, hat eine beispiellose Debatte angeschoben. Sportreporter Robert Dunker stört der merkwürdige Unterton, der die Diskussion prägte: Hier wird die technische Leistung vor die menschliche Leistung gestellt. Es hieß, mit Pistorius, dem zum Blade Runner stilisierten Sprinter, könne etwas nicht stimmen. Dabei hat eine Prothese gegenüber einem Fuß erhebliche Nachteile. Seit Pistorius den Klageweg beschritt, muss der Spitzensport unangenehme Fragen ertragen. Ist es möglich, dass irgendwann mal ein Behinderter die 100 Meter bei Olympischen Spielen gewinnt Ist irgendwann ein Prothesenläufer der schnellste Mann der Welt Dunker befürchtet: Mit dem ach so freundschaftlichen Miteinander unter den Athleten ist es dann ganz schnell vorbei.
Oscar Pistorius ist es nicht gelungen, die Kluft zwischen den Paralympics und den Olympischen Spielen zu schließen. Vorerst bestehen sie weiter, die Unterschiede. Auch bei den Prämien für die Medaillen: Ein deutscher Olympiasieger bekommt von der Sporthilfe 15.000 Euro, ein Paralympics-Gewinner lediglich 4.500 Euro.
Menschen mit Behinderungen werden als schwach und weniger leistungsstark gesehen. Genau diesem Bild will der Behindertenleistungssport entgegenwirken. Alles braucht seine Zeit, meint Boris Grundl. Wenn du etwas verändern willst, musst du zuerst dein Denken verändern. Das ist nicht leicht, vor allem weil anders sein und anders denken immer auch die Umwelt irritiert oder gar provoziert.
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