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"Murdochgate" ist überall - Journalismus in seiner größten Krise

Das Volk verlangt nach Blut - Geben wir dem Volk das Blut

Berlin, Pressemitteilung vom 28.07.2011 14:06:00

"Murdochgate" ist überall - Journalismus in seiner größten Krise

Wer seit drei Jahrzehnten im Journalismus akitv ist, der hat seine eigene Unschuld schon lange verloren. Ethik und Moral im Journalismus? Wer den Anspruch hat Sauställe auszumisten, der stinkt selber nach einiger Zeit. Wer über Schweine berichtet und mit ihnen zu tun hat, dem wird der Geruch ein Leben lang an der eigenen Kleidung hängen bleiben. In den Journalistenschulen wird eine Religionslehre verbreitet, die mit der Realität so wenig zu tun hat, wie der Papst mit dem Kondom. Zieht man erstmal das Gummi über, macht es Spaß zu sündigen und Schicksal zu spielen. Korruption im Journalismus? Geld stinkt nicht. Vornehmlich steht der Kampf für das Gute und gegen das Böse. In der journalistischen Realität verwischen die Fronten. Jeder Skandal muss ans Tageslicht. Der Tag ist nur ein guter Tag, wenn eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Das Volk verlangt nach Blut. Geben wir dem Volk das Blut. Eine Großzeitung mit vier Buchstaben, hat seine Leserinnen und Leser zu Mittäter gemacht. Die Idee mit dem "Leserreporter" mittels "Volkskamera" ist so genial wie perfide. Wenn alle Schweine jagen und stinken, dann riecht man den eigenen Gestank nicht mehr so intensiv. Rober Murdoch ist nur die Spitze des Eisberges. Die Kumpanei zwischen Journalist, Politik, VIPs und Wirtschaft ist so alt wie die Bibel. Ein ehrbarer Journalist zu sein, muss man sich leisten können. In den Talkshows sehen wir die Gehaltsspitze in unserem Beruf. Die Realität sieht anders aus. Die Praktikanten und Volontäre im Medienbereich sind die ersten die moralisch vergewaltigt werden. Die Niedriglohnarbeiter im Journalismus müssen skrupelloser sein, um an die Honigtöpfe zu gelangen. Was ist Gut was ist Böse? Wer zahlt hat Recht. Ein ständiger Krieg um Einschaltquoten und Auflagenhöhe. Murdochland ist auch in Deutschland. Es haben nur die Wenigsten bisher bemerkt.

Der Anruf war ein großer Schock: Im Oktober 2006 klingelte im Haus von Großbritanniens damaligen Schatzkanzler Gordon Brown das Telefon. Seine Frau Sarah nahm den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung war Rebekah Brooks, damals Chefredakteurin der britischen Revolverblatts "Sun" und heute Vorstandschefin von Murdochs britischer Zeitungsgruppe News International. Brooks informierte Sarah Brown, sie wisse über den Gesundheitszustand von Browns drei Monate altem Sohn Fraser Bescheid. Dass der Junge unter der seltenen Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose leidet, sollten eigentlich nur die Browns und ihre Ärzte wissen. Doch irgendwie war auch Brooks an die Informationen gekommen. Für das Ehepaar Brown war es einer der schwersten Tage ihres Lebens. "Wir haben geweint", gestand der ehemalige Premier- und Schatzkanzler jetzt in einem Interview. Ihnen sei klar gewesen, dass Frasers Krankheit nun Thema in sämtlichen britischen Medien werden würde. "Sarah und ich waren sehr unglücklich." Wenige Tage später brachte die "Sun" die traurigen Details über Frasers Gesundheitszustand.

Die Geschichte ist nur eines von vielen Beispielen, denen zufolge Rupert Murdochs Zeitungen in Großbritannien skrupellos das Gesetz ignorierten, um an exklusive Informationen zu kommen. Seit der Skandal vergangene Woche aufflog, kommen täglich neue Details ans Licht. Großbritanniens profitabelste Boulevardzeitung "News of the World" hörte über Jahre im großen Stil Handys von Schauspielern, Sportlern, Popsängern, Politikern und sogar der Königsfamilie ab. Geschätzte 100 000 Pfund (114 000 Euro Bestechungsgelder zahlte "News of the World" an die englische Polizei, um an pikante Details zu kommen. Am meisten schockte das britische Volk jedoch der Fall von Amanda Dowler. Das 13-jährige Mädchen verschwand 2002. Wie man heute weiß, hatte die Zeitung nicht nur die Mailbox des Mädchens abgehört, sondern sogar Nachrichten gelöscht. Die Eltern hatten daher lange die falsche Hoffnung, ihre Tochter sei noch am Leben.

Murdoch zog die Konsequenzen und stellte "News of the World" am Sonntag ein. Doch damit ist der Fall für ihn und seinen Medienkonzern News Corp noch längst nicht erledigt. Der Skandal entfaltet eine solche Dynamik, dass er auf Murdochs gesamte Gruppe übergreifen könnte. In den vergangenen vier Tagen verlor News Corp mehr als sieben Milliarden Dollar (fünf Milliarden Euro an Wert. Um den Kurs zu stützen, kündigte das Unternehmen an, Aktien im Wert von fünf Milliarden Dollar zurück zu kaufen. Nicht nur die geplante Komplettübernahme des englischen Bezahlsenders BSkyB steht seit den Enthüllungen über "News of the World" auf der Kippe. Wie jetzt bekannt wurde, arbeiteten auch andere englische Zeitungen seiner Gruppe mit illegalen Methoden. So war es die "Sun", die zuerst über Fraser Browns Krankheit berichtete. Es gibt Hinweise, dass sich das Blatt illegal die Krankenakte besorgt hatte. Brown selbst sagte, es seien eindeutig "Kriminelle" am Werk gewesen. Auch die eigentlich als seriös geltende "Sunday Times" hielt sich offenbar nicht an alle Gesetze. Wie der "Guardian" berichtet, liegen der britischen Bausparkasse Abbey National Bank Beweise dafür vor, dass sich die "Sunday Times" Zugang zu Gordon Browns Bankkonten verschafft habe. Demnach gab sich ein von der Zeitung bezahlter Mann im Jahr 2000 als Brown aus, um Kontobewegungen einsehen zu können. Damals gab es Gerüchte, Brown habe eine Wohnung in Schottland unterhalb des Marktpreises gekauft. Wie es aussieht, wollte die "Sunday Times" die Geschichte mit Hilfe des Brown-Imitators wasserdicht bekommen.

Ein Brown-Sprecher sagte, die Familie des Politikers sei "schockiert über das Ausmaß der kriminellen Energie und über die unethischen Mittel, mit denen persönliche Daten beschafft wurden". Der Fall liege jetzt in den Händen der Polizei. Den Angaben zufolge soll der Privatdetektiv Glenn Mulcaire im Auftrag von News International auch Browns Handy gehackt haben, als dieser Finanzminister war. Am Dienstag sollen der 80-jährige Murdoch, sein Sohn James und Rebekah Brooks, inzwischen Chefin der britischen News Corp-Zeitungen, vor dem Medienausschuss des Parlaments Rede und Antwort stehen.

Vier Zeitungen gehören Murdochs Konzern News Corp in Großbritannien. Mit "News of the World", "Sun" und "Sunday Times" sind bereits drei davon krimineller Machenschaften überführt. Viele glauben, auch die alterwürdige "Times" dürfte bald fallen. Deswegen mehren sich Stimmen, die fordern, Murdoch sollte seine gesamte britische Zeitungsgruppe News International dicht machen. Angeblich prüft er diesen Schritt bereits, sagt der US-Journalist und Murdoch-Biograph Michael Wolff: "Es ist völlig unmöglich für die Firma aus dieser Sache herauszukommen, ohne weite Teile des Geschäfts zu verlieren."

Auch Analysten sprechen sich dafür aus, News International zu opfern, um den Schaden für den Konzern zu begrenzen. "Der Absturz der News-Corp-Aktie in den vergangenen Tagen ist unverhältnismäßig im Verhältnis zu den verlorenen Gewinnen von "News of the World" und der verschobenen Entscheidung über BSkyB", sagt David Bank, Analyst bei RBC Capital Markets in New York. Investoren seien offenbar besorgt, welche Folgen die Affäre für den gesamten Konzern haben könne.

Leicht wird das Murdoch nicht fallen. Seine Printtitel liegen dem Verleger am Herzen. Neben den vier Zeitungen in Großbritannien gehören ihm auch Blätter in seinem Heimatland Australien und seiner Wahlheimat USA. Doch trotz seiner Vorliebe für das gedruckte Wort sinkt der Anteil des Zeitungsgeschäfts am Gesamtgewinn des Konzerns immer mehr. Viel wichtiger sind dagegen das Kabel-TV- und das Filmgeschäft. Analysten der Investmentfirma Needham & Co in New York schätzen, die vier britischen Zeitungen würden etwa zehn Prozent zu den 956 Millionen Dollar operativen Gewinns beitragen, den die Zeitungssparte in diesem Jahr erwirtschaften soll. Zum Vergleich: Die Kabel-TV-Sender des Konzerns steigerten ihren operativen Gewinn allein um 25 Prozent auf 735 Millionen Dollar im vergangenen Quartal.

Schon jetzt machen sich die unmittelbaren Folgen der Affäre für Murdochs Reich bemerkbar. Seit vielen Monaten versucht der Konzern den englischen Bezahlsender BSkyB komplett zu übernehmen. Bislang gehören Murdoch 39 Prozent an dem Pay-TV-Sender. Zuletzt sah es so aus, als sei der Kauf der restlichen 61 Prozent nur noch eine Formsache. Die Regierung von Premier David Cameron signalisierte, das Geschäft gehe durch. Vorraussetzung war das Versprechen von News Corp, die Kontrolle über den Nachrichtensender SkyNews abzugeben. Damit sollte verhindert werden, dass News Corp einen zu großen Einfluss auf die Meinungsbildung in Großbritannien nimmt. In einem cleveren Schachzug nahm News Corp am Montag das Versprechen zurück, SkyNews abzugeben. Damit gab der Konzern der britischen Regierung einen Grund, Konsequenzen zu ziehen. Minuten nachdem News Corp seine Pressemitteilung verschickt hatte, trat der britische Kultusminister Jeremy Hunt vor die Presse: "Ich leite den Fall nun an die Wettbewerbsbehörde weiter." Eine Prüfung durch die Behörde dauert gut und gerne ein Jahr. Murdoch spielt offenbar auf Zeit, und Camerons Regierung nimmt das Angebot dankend an.

Gerade für den Premier ist die ganze Angelegenheit äußerst unangenehm. Rebekah Brooks, die 2006 mit Sarah Brown am Telefon über deren kranken Sohn sprach ist eine Freundin von Cameron. Schlimmer noch ist seine Nähe zu Andy Coulson. Der Journalist war bis Januar 2007 Chefredakteur von "News of the World" und danach bis Januar 2011 Kommunikationsberater der Tory Partei. Vergangenen Freitag nahm die Polizei Coulson fest. Er soll von den Schmiergeldzahlungen an die Polizei gewusst haben. Murdoch wollte mit dem Rückzug bei SkyNews wohl nur auf Zeit spielen, bis sich die Lage beruhigt hat, und dann die Verhandlungen wieder aufnehmen. Der Plan scheint nicht aufzugehen: Am Dienstag teilte ein Regierungssprecher mit, Murdoch solle auf die Übernahme von BSkyB komplett verzichten.

Die geplatzte Übernahme von BSkyB könnte jedoch bald Murdochs kleinstes Problem sein. Die britische Zeitung "Telegraph" zitiert einen US-Rechtsexperten, dem zufolge auf News Corp eine Strafe von bis zu 100 Millionen Dollar in den USA zukommen könnte. Eine Gruppe institutioneller Investoren unter der Leitung der New Yorker Amalgamated Bank habe bereits vor einem US-Gericht Klage gegen den lange unangefochtenen Murdoch eingereicht. Die Bank beschuldigt Murdoch der "ungezügelten Vetternwirtschaft", die dem Konzern großen Schaden zugefügt habe. Die Geschäfte von News Corp in Großbritannien führt Murdochs Sohn James. "Es ist unvorstellbar, dass James Murdoch und seine Vorstandsmitglieder nichts über die illegalen Recherchepraktiken gewusst haben sollen", schreibt die Bank in ihrer Klage. Der Konzern habe über Jahre die Vorwürfe zu den gehackten Handys ignoriert und keine Konsequenzen gezogen. Die Konsequenzen für Murdoch und sein Imperium werden jetzt umso harscher sein. Wie schwer die Affäre das Unternehmen schädigt, ist noch nicht abzusehen. (mit welt

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